Orakelformen des I Ging
Orakeln mit dem I Ging
Das I Ging, das „Buch der Wandlungen“, kann auf verschiedene Weise befragt werden. Traditionell werden dafür Schafgarbenstängel verwendet; auch das Münzorakel ist eine verbreitete Methode. Heute gibt es darüber hinaus vereinfachte Verfahren mit Murmeln und digitale Generatoren. I-Ging-Karten bieten eine weitere Möglichkeit, sich mit den Zeichen und Texten zu beschäftigen.
Die Verfahren zur Ermittlung eines Hexagramms unterscheiden sich in ihrem Ablauf. Bei beweglichen Linien kann neben dem Ausgangshexagramm ein zweites Hexagramm entstehen. Moderne Kartenlegungen folgen dagegen häufig eigenen Regeln. In allen Fällen gilt: Das ermittelte Zeichen oder die gezogenen Karten sind nicht mit ihrer Deutung gleichzusetzen. Erst die Texte des I Ging und der Bezug zur konkreten Frage geben dem Ergebnis seine Bedeutung.
Das Schafgarbenorakel
Das Schafgarbenorakel ist die ausführliche Stängelmethode, die im Zusammenhang mit dem I Ging überliefert ist. Getrocknete Schafgarbenstängel werden nach festen Regeln geteilt und gezählt. Das Verfahren ist aufwendig, aber in seinen einzelnen Schritten nachvollziehbar.
Eine Linie ermitteln
Für eine Linie werden 50 Stängel benötigt. Ein Stängel wird beiseite gelegt, sodass mit 49 Stängeln gearbeitet wird. Der folgende Zählvorgang wird dreimal durchgeführt.
Erster Zählvorgang
- Teilen Sie die 49 Stängel, ohne auf eine bestimmte Aufteilung hinzuwirken, in zwei Haufen.
- Nehmen Sie aus dem rechten Haufen einen Stängel und legen Sie ihn beiseite.
- Zählen Sie aus dem linken Haufen Stängel in Vierergruppen ab. Der verbleibende Rest besteht aus 1 bis 4 Stängeln und wird ebenfalls beiseite gelegt.
- Verfahren Sie mit dem rechten Haufen ebenso. Auch dieser Rest wird beiseite gelegt.
Beim ersten Zählvorgang werden dadurch insgesamt entweder 5 oder 9 Stängel entfernt. Legen Sie die entfernten Stängel beiseite. Für den nächsten Zählvorgang werden die verbliebenen Stängel wieder zusammengeführt und erneut in zwei Haufen geteilt.
Zweiter und dritter Zählvorgang
Mit den verbliebenen Stängeln wiederholen Sie den gesamten Ablauf noch zweimal. Beim zweiten und dritten Zählvorgang werden jeweils entweder 4 oder 8 Stängel entfernt.
Nach dem dritten Zählvorgang wird aus der Gesamtzahl der entfernten Stängel der Linienwert bestimmt. Dazu kann man die drei Ergebnisse in vereinfachter Form als 2 oder 3 zählen:
– beim ersten Zählvorgang: 9 Stängel = 2, 5 Stängel = 3
– beim zweiten und dritten Zählvorgang: 8 Stängel = 2, 4 Stängel = 3
Addieren Sie die drei Werte. Die Summe ergibt den Linienwert:
| Summe | Linie | Bedeutung |
|—|—|—|
| 6 | ⚋ | bewegtes Yin |
| 7 | ⚊ | festes Yang |
| 8 | ⚋ | festes Yin |
| 9 | ⚊ | bewegtes Yang |
Eine 6 und eine 9 sind bewegliche Linien. Sie werden für die Bildung eines zweiten Hexagramms verändert: Die gebrochene Yin-Linie der 6 wird zu einer durchgezogenen Yang-Linie; die durchgezogene Yang-Linie der 9 wird zu einer gebrochenen Yin-Linie.
Diesen Vorgang führen Sie insgesamt sechsmal durch. Die erste ermittelte Linie wird unten eingetragen, die weiteren Linien darüber. So entsteht das Hexagramm von unten nach oben.
Das Schafgarbenorakel verlangt Zeit und Konzentration. Seine Bedeutung liegt nicht nur im Ergebnis, sondern auch in der ruhigen, schrittweisen Beschäftigung mit der Frage.
Das Münzorakel
Das Münzorakel ist eine einfachere Methode, die sechs Linien eines Hexagramms zu bestimmen. Über die historische Verbreitung und die genaue Entstehung dieser Methode lassen sich keine sicheren Angaben aus jeder Überlieferung ableiten. Für die praktische Befragung ist vor allem der festgelegte Ablauf entscheidend.
Verwenden Sie drei Münzen und gehen Sie wie folgt vor:
- Werfen Sie die drei Münzen gleichzeitig.
- Legen Sie vorher fest, welche Seite welchen Wert erhält. Eine gebräuchliche Zuordnung ist: Zahl = 2 Punkte, Kopf = 3 Punkte.
- Addieren Sie die drei Werte. Möglich sind die Summen 6, 7, 8 und 9.
- Wiederholen Sie den Wurf insgesamt sechsmal.
- Tragen Sie die Linien von unten nach oben ein.
Die Summen haben dieselbe Bedeutung wie beim Schafgarbenorakel:
– 6: gebrochene, bewegliche Yin-Linie
– 7: durchgezogene, feste Yang-Linie
– 8: gebrochene, feste Yin-Linie
– 9: durchgezogene, bewegliche Yang-Linie
Sobald alle sechs Linien feststehen, ist das erste Hexagramm gebildet. Bei einer 6 oder 9 wird die betreffende Linie in ihr Gegenteil verwandelt. Aus den veränderten Linien entsteht gegebenenfalls ein zweites Hexagramm. Es kann als Hinweis auf eine Wandlung der gegenwärtigen Situation gelesen werden. Die konkrete Bedeutung ergibt sich aus den Texten des I Ging und aus dem Zusammenhang mit der Frage.
I-Ging-Karten
I-Ging-Karten bieten eine moderne Möglichkeit, sich mit den Zeichen und Texten des I Ging zu beschäftigen. Die folgende Drei-Karten-Methode ist keine klassische Form des überlieferten I-Ging-Orakels. Die Einteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehört zu einer modernen Kartenlegung.
- Ziehen Sie die erste Karte. Sie steht für die Vergangenheit und kann auf Hintergründe oder Entwicklungen hinweisen, die zur heutigen Situation geführt haben.
- Ziehen Sie die zweite Karte. Sie beschreibt die Gegenwart und die Kräfte, die gegenwärtig wirksam sein können.
- Ziehen Sie die dritte Karte. Sie steht für mögliche zukünftige Entwicklungen.
Betrachten Sie anschließend alle drei Karten gemeinsam. Achten Sie auf Gemeinsamkeiten, Gegensätze und wiederkehrende Themen. Die Zukunftskarte ist dabei keine sichere Vorhersage, sondern ein möglicher Deutungsimpuls. Entscheidend bleibt, wie die Aussagen zur eigenen Frage und Lebenssituation in Beziehung gesetzt werden.
Die Methode mit 16 Murmeln
Die Murmelmethode ist eine vereinfachte moderne Alternative zum Schafgarbenorakel. Die Verteilung der 16 Murmeln ist so gewählt, dass sie dessen Wahrscheinlichkeitsverteilung nachbildet. Sie ist daher nicht mit der Wahrscheinlichkeitsverteilung des üblichen Münzorakels identisch.
Legen Sie 16 Murmeln in ein Gefäß. Die Verteilung lautet:
– 1 Murmel mit der Zahl 6
– 5 Murmeln mit der Zahl 7
– 7 Murmeln mit der Zahl 8
– 3 Murmeln mit der Zahl 9
Diese Verteilung bildet die Wahrscheinlichkeiten des Schafgarbenorakels nach – nicht die des üblichen Drei-Münzen-Orakels. Voraussetzung ist, dass nach jeder Ziehung die Murmel zurückgelegt und vor der nächsten Ziehung wieder gemischt wird
Ziehen Sie eine Murmel, notieren Sie ihren Wert und legen Sie sie anschließend wieder zurück. Erst danach ziehen Sie die nächste Murmel. Wiederholen Sie diesen Vorgang insgesamt sechsmal. Die sechs gezogenen Zahlen bestimmen die Linien des Hexagramms. Beginnen Sie auch hier mit der untersten Linie.
Die Zahlen 6, 7, 8 und 9 haben dieselbe Bedeutung wie beim Münz- und Schafgarbenorakel. Eine 6 oder 9 bezeichnet eine bewegliche Linie. Durch die Veränderung dieser Linien kann ein zweites Hexagramm entstehen.
Das I-Ging-Orakel online
Wer das I Ging ohne Münzen, Stängel oder Karten befragen möchte, kann den I-Ging-Generator auf iging.org nutzen. Der Generator bietet einen digitalen Zugang zum Orakel und erleichtert die Ermittlung eines Hexagramms. Anschließend können die zugehörigen Texte gelesen und auf die eigene Fragestellung bezogen werden.
Unabhängig von der gewählten Methode gilt: Das Orakel nimmt die persönliche Deutung nicht ab. Es kann helfen, eine Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten, Fragen zu präzisieren und mögliche Entwicklungen bewusster wahrzunehmen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wilhelm, Richard: I Ging. Das Buch der Wandlungen. Ausgabe und Erscheinungsjahr entsprechend der verwendeten Ausgabe.
- Schilling, Dennis: Yijing. Das Buch der Wandlungen. 2009, insbesondere S. 348–355, 360–363 und 914–925.
- Wikipedia: [Chinesisches Orakel].
- Ergänzende Darstellungen: [Schafgarbenorakel] und [Drei-Münzen-Methode].

