Daoismus
Der Daoismus – auch Taoismus genannt – ist eine chinesische philosophische Tradition und religiöse Strömung. Der Begriff leitet sich von Dao ab, dem „Weg“ oder „Prinzip“. Als eigenständige Tradition entwickelte sich der Daoismus über einen langen Zeitraum. Dabei nahm er ältere Vorstellungen und Praktiken auf und verband sie mit neuen philosophischen und religiösen Formen.
Neben Konfuzianismus und Buddhismus gehört der Daoismus zu den „Drei Lehren“, die Chinas Geistesgeschichte und Kultur maßgeblich geprägt haben. Sein Einfluss reicht von Philosophie, Literatur und Kunst bis zu Medizin, Ernährung und Kampfkunst.
Laozi, Zhuangzi und die daoistischen Klassiker
Der wichtigste Bezugspunkt des frühen Daoismus ist das Daodejing, der „Klassiker vom Dao und vom De“. Traditionell wird es Laozi zugeschrieben. Ob Laozi tatsächlich als historische Person gelebt hat, ist jedoch umstritten; auch seine Biografie ist von Legenden geprägt. Das Daodejing ist kein systematisches Lehrbuch, sondern eine Sammlung oft dichter und mehrdeutiger Aussagen. Es regt dazu an, über das Dao, gutes Regieren, Natürlichkeit und den angemessenen Umgang mit der Welt nachzudenken.
Im Daodejing steht Dao sowohl für den Weg als auch für das grundlegende Prinzip der Wirklichkeit. De bezeichnet seine Wirkkraft oder die Weise, in der sich das Dao in den Dingen zeigt. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Daodejing und Laozi findet sich auf den entsprechenden Unterseiten.
Ein zweiter zentraler Klassiker ist das Zhuangzi, das Zhuangzi zugeschrieben wird. Seine Geschichten, Parabeln und paradoxen Gespräche behandeln die Begrenztheit menschlicher Bewertungen und die Freiheit eines Menschen, der sich dem Wandel der Welt öffnet. Auch hier ist die genaue Autorschaft des überlieferten Werkes nicht vollständig geklärt. Das Liezi bildet einen weiteren wichtigen Text der daoistischen Tradition; seine Entstehung und Zuschreibung sind ebenfalls umstritten.
Dao, Natürlichkeit und Wúwéi
Das Dao entzieht sich nach daoistischer Auffassung einer eindeutigen Definition. Es ist kein persönlicher Schöpfergott, sondern wird als Ursprung und umfassendes Prinzip der Wirklichkeit verstanden. Aus ihm gehen die „zehntausend Dinge“, also die Vielfalt der Welt, hervor. Dabei bringt das Dao auch die Polarität von Yin und Yang und die fortwährenden Wandlungen der Erscheinungen hervor.
Ein wichtiger Begriff ist ziran, das „Von-selbst-so-Seiende“. Er verweist auf Natürlichkeit, Spontaneität und die Fähigkeit, sich dem Lauf der Dinge anzupassen. Alles ist dem Wandel unterworfen; nichts bleibt unverändert. Weisheit besteht daher weniger darin, die Welt mit Gewalt nach eigenen Vorstellungen zu formen, als ihre Bewegungen wahrzunehmen und angemessen auf sie zu reagieren.
Daran knüpft wúwéi an. Der Ausdruck wird häufig mit „Nicht-Handeln“ übersetzt, meint aber nicht Passivität oder völlige Untätigkeit. Gemeint ist ein Handeln ohne unnötiges Erzwingen – ein Tun, das den natürlichen Bedingungen entspricht und nicht von übermäßigen Wünschen bestimmt wird.
Philosophie und Religion
Die Unterscheidung zwischen einem „philosophischen“ und einem „religiösen“ Daoismus bietet eine erste Orientierung, ist historisch jedoch nur begrenzt tragfähig. Die beiden Bereiche entwickelten sich nicht unabhängig voneinander und lassen sich nicht scharf trennen. Daoistische Texte standen vielfach im Zusammenhang mit religiösen Vorstellungen, während religiöse Schulen philosophische Gedanken aufnahmen und weiterentwickelten.
Im Laufe der Geschichte entstanden unterschiedliche Gemeinschaften, Tempeltraditionen und Schulen. Zu den religiösen Formen des Daoismus gehören unter anderem Meditation, Atem- und Körperübungen, Rituale, Gebete und Vorstellungen von Unsterblichkeit. Je nach Schule und Zeit wurden außerdem Elemente älterer chinesischer Kulte, des Buddhismus und des Konfuzianismus einbezogen. Der Daoismus bildet deshalb kein einheitliches, geschlossenes System.
Daoismus und I Ging
Daoismus und I Ging sind nicht dasselbe, berühren sich aber in wichtigen Themen. Beide setzen sich mit dem Wandel der Welt, dem Wechsel von Yin und Yang und der Frage auseinander, wie sich eine tragfähige Ordnung erkennen lässt. Das I Ging gehörte zu den älteren chinesischen Wissensbeständen, die in die Entwicklung daoistischer Vorstellungen einbezogen wurden. Für daoistisches Denken ist dabei besonders die Einsicht bedeutsam, dass Gegensätze einander hervorbringen und Wandlung nicht als Ausnahme, sondern als Grundzug der Wirklichkeit verstanden werden kann.
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