Die Rezeption des Yijing im Westen
Die Geschichte der westlichen Rezeption des Yijing, in Europa meist als I Ging bekannt, begann im späten 17. Jahrhundert. 1687 gelangte durch den Jesuiten Richard Couplet die erste Kunde von dem chinesischen Klassiker nach Europa. Couplet legte eine Teilübersetzung ins Lateinische vor und machte damit erstmals zentrale Inhalte des Yijing einem europäischen Gelehrtenpublikum zugänglich.
Eine erste vollständige lateinische Übersetzung erarbeitete der Jesuit Jean-Baptiste Régis. Sie erschien in Deutschland nach seinem Tod in den Jahren 1834 bis 1839 und stellte einen wichtigen Schritt für die weitere Kenntnis des Werkes im Westen dar. Im englischsprachigen Raum wurde vor allem die 1882 veröffentlichte Übersetzung des Sinologen James Legge (1815–1897) bekannt. Legges Arbeit trug wesentlich dazu bei, das Yijing einem größeren Kreis zugänglich zu machen. Zugleich hatte sie Grenzen: Zahlreiche Einschübe in den eigentlichen Text erschwerten den Zugang zu seiner literarischen Gestalt und gaben die Qualitäten des chinesischen Originals nur unvollständig wieder.
Eine entscheidende Wende brachte Richard Wilhelm. Seine deutsche Übersetzung erschien 1924 im Diederichs Verlag und wurde vielfach neu aufgelegt. Sie führte dazu, dass sich ein größeres westliches Publikum für das Yijing zu interessieren begann. Wilhelms Leistung beruhte dabei nicht allein auf seiner eigenen Arbeit. Als Pfarrer und Missionar war er ursprünglich nach Qingdao entsandt worden und hatte dort einen Kreis chinesischer Intellektueller um sich versammelt. Eine besonders wichtige Rolle spielte sein Lehrer und Mitarbeiter Lau Nai Süan (Nao Lai Xuan, 1843–1921), mit dessen Unterstützung Wilhelm den chinesischen Text erschloss.
Wilhelms Übersetzung ist nicht frei von Mängeln, wurde jedoch zu einer der einflussreichsten Vermittlungen des Yijing im Westen. Sie wurde in zahlreiche weitere Sprachen übertragen. 1950 erschien eine von Cary F. Baynes angefertigte englische Übertragung des Wilhelmschen Textes. Ihre Veröffentlichung, die von einer wohlhabenden Amerikanerin finanziert wurde, trug entscheidend zur weiteren internationalen Verbreitung bei. Die englische Ausgabe trug wesentlich dazu bei, das Yijing einem breiten Publikum im westlichen Kulturraum bekannt zu machen.
Die Wirkung von Wilhelms Arbeit lag auch in seinen ausführlichen Erläuterungen. Er stellte das Yijing einerseits als bedeutendes chinesisches Kulturgut vor, andererseits als ein zeitloses Buch, das über seinen ursprünglichen kulturellen Zusammenhang hinaus für die gesamte Menschheit von Bedeutung sein könne. Diese doppelte Perspektive prägte die westliche Wahrnehmung des Werkes nachhaltig. Das Yijing erschien nicht nur als historischer chinesischer Klassiker, sondern auch als Text, der auf persönliche und allgemeine Lebensfragen bezogen werden konnte.
In den 1960er- und 1970er-Jahren übte das Yijing einen gewissen Einfluss auf Teile der Jugendkultur aus. Auch die New-Age-Bewegung der 1980er-Jahre griff auf das Werk zurück. Dabei wurde es teilweise als Gegenentwurf zu einer vorwiegend rational verstandenen westlichen Kultur gelesen. Es entstanden unterschiedliche Neuinterpretationen: Manche hielten sich vergleichsweise eng an den überlieferten Text, andere entfernten sich stärker von ihm und tendierten zu neureligiösen Deutungen. Diese Rezeption war daher keineswegs einheitlich.
In den vergangenen Jahrzehnten orientierten sich westliche Sinologen zunehmend an der chinesischen philologischen Forschung. Ihre Übersetzungen versuchen stärker zu rekonstruieren, wie das Zhouyi in seiner Entstehungszeit verstanden worden sein könnte. Für den englischsprachigen Raum sind insbesondere Richard Rutt, Richard A. Kunst und Edward L. Shaughnessy zu nennen, für den deutschen Sprachraum Dennis Schilling.
Im Unterschied zu einer kulturell vermittelnden Übersetzung, die einen historischen Text für ein modernes Publikum deutet und kontextualisiert, richtet sich eine historisch-philologische Annäherung stärker auf Sprache, Überlieferung und Entstehungsgeschichte. Beide Zugänge haben die westliche Auseinandersetzung mit dem Yijing geprägt. Während die einen Übersetzungen den Text für ein modernes Publikum erschließen und einordnen, richten andere den Schwerpunkt stärker auf Sprache, Überlieferung und Entstehungsgeschichte.
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