Die Rezeption des
Yijing im Fernen Osten

Das Yijing, auch als „Buch der Wandlungen“ bekannt, wurde im Lauf der chinesischen Geistesgeschichte auf sehr unterschiedliche Weise gelesen. Es diente als Orakelbuch, wurde zur Grundlage philosophischer Überlegungen und beeinflusste religiöse sowie wissenschaftliche Vorstellungen. Später fand es auch in Japan, Korea und Vietnam Verbreitung.

Vom Orakelbuch zum Weisheitsbuch

Frühe Zeugnisse des Umgangs mit dem Schafgarbenorakel finden sich im Zuozhuan. Dort wird nicht nur berichtet, wie Orakelsprüche befragt wurden. Überliefert sind auch kreative Deutungen, bei denen die Sprüche durch Analogieschlüsse auf konkrete Situationen bezogen wurden. Die Beschäftigung mit dem Orakel konnte damit über die unmittelbare Zukunftsfrage hinausführen: Wer über die Worte und Bilder des Textes nachdachte, konnte daraus Einsichten für das Verständnis einer Lage gewinnen.

Das Zhou Yi, die ältere Textgestalt des Yijing, wurde somit schon früh auch als Weisheitsbuch verstanden. In den folgenden rund 2000 Jahren bildete es einen wichtigen Bezugspunkt für die philosophischen Richtungen Chinas. Maßgebliche Denker setzten sich mit ihm auseinander; entsprechend groß wurde die Zahl der Kommentare und Auslegungen.

Zwei Auslegungstraditionen der Han-Zeit

Nach der Kanonisierung des Yijing in der Han-Zeit lassen sich zwei große Ausrichtung unterscheiden. Die Bilder-und-Zahlen-Lehre, chinesisch Xiangshuxue, beschäftigte sich mit den Mustern, Zahlen und kosmologischen Zusammenhängen des Werks. Ihre Vertreter suchten nach logischen Strukturen, die sich auf die Ordnung der Welt und auch auf gesellschaftliche Verhältnisse beziehen ließen.

Dabei spielten auch Tafeln eine Rolle, die der Überlieferung zufolge aus dem Huang-He-Fluss und dem Luo-Fluss hervorgekommen sein sollen. Die Beschäftigung mit solchen Zahlen- und Ordnungssystemen konnte mit dem Anspruch verbunden werden, eine Art Weltformel zu finden. Für die spätere Rezeption blieben diese Spekulationen wichtig, auch wenn einzelne Versuche, sämtliche Wissensbereiche auf die Struktur des Yijing zurückzuführen, aus heutiger Sicht weit hergeholt erscheinen.

Die zweite Richtung war die Bedeutungs- oder Gehaltslehre, Yilixue. Sie konzentrierte sich stärker auf die Texte selbst und auf die Frage, welche Bedeutungen und Aussagen aus ihnen gewonnen werden konnten. Im Mittelpunkt standen somit weniger kosmologische Zahlensysteme als die Auslegung von Sprache, Bildern und Ideen.

Wang Bi und die weitere Kommentierung

Eine entscheidende Wende in der Auslegung verband sich mit Wang Bi. Er wandte sich erneut dem Text und den darin enthaltenen bildlichen Vorstellungen zu. Diese verstand er als Ausdruck von Ideen, die entschlüsselt werden sollten. Damit begründete er eine neue Auslegungstradition, die für etwa ein Jahrtausend maßgeblich blieb. An sie knüpften unter anderem Han Kangbo und Kong Yingda an.

Auch der chinesische Buddhismus griff das Yijing auf. Buddhistische Gelehrte nutzten den Text, um eigene Gedanken zu erläutern. Das bedeutete jedoch keine einheitliche buddhistische Yijing-Lehre, sondern zeigt, dass das Werk in unterschiedliche geistige Zusammenhänge einbezogen werden konnte.

Mit der Abkehr vom Buddhismus und dem Wiederaufleben konfuzianischer Denktraditionen seit der Song-Zeit wurden ältere Auslegungswege erneut aufgenommen. Cheng Yi folgte in vielem Wang Bi und verfasste einen einflussreichen Kommentar. Zhu Xi interessierte sich stärker für den divinatorischen, also auf Orakel und Vorhersage bezogenen Aspekt. Sein Kommentar gehörte bis 1905 zum Stoff der Beamtenprüfungen und trug dadurch zur weiteren Verbreitung seiner Interpretation bei.

Andere Gelehrte wandten sich wieder den mathematisch-logischen Seiten des Yijing zu. Sie entwickelten unterschiedliche Reihenfolgen, Kreise und Diagramme, um die Zahlenlehre des Werks mit den Fünf Wandlungsphasen zu verbinden. Solche Entwürfe prägten die Rezeption, waren aber jeweils Teil bestimmter historischer Auslegungstraditionen und keine unveränderliche Bedeutung des Textes.

Textkritik und historische Forschung

In der Ming-Zeit stützten sich Gelehrte wie Lai Zhide auf ältere Interpretationen, untersuchten zugleich aber kritisch den überlieferten Text. In der Qing-Zeit wurden Zahlenspekulationen weitergeführt; zugleich begann eine intensivere Beschäftigung mit der altertümlichen Sprache des Yijing. Lange fehlte es an Vergleichsmaterial.

Neue Möglichkeiten eröffnete im 20. Jahrhundert die Entdeckung von Orakelknochen mit ihren Inschriften. Sie erlaubten es, das Zhou Yi stärker in seinem historischen sprachlichen Zusammenhang zu untersuchen. Gelehrte wie Gu Jiegang und sein Schüler Li Jingchi beteiligten sich an der Erforschung ursprünglicher Zeichenbedeutungen. Ihre Arbeiten lösten eine Vielzahl textkritischer Veröffentlichungen aus, die kontrovers diskutiert wurden und werden.

Nach dem Ende des Kaiserreichs verlor das Yijing seine Stellung als zentrales Werk der politischen Philosophie. Kulturell blieb es zunächst einflussreich. Im heutigen China wird es dem Ausgangstext zufolge in breiteren Kreisen jedoch nur noch selten gelesen und vielfach als schwer verständlich wahrgenommen. Auch die volkstümliche Nutzung als Orakelbuch nahm im Zuge der politischen und sozialen Veränderungen des 20. Jahrhunderts kontinuierlich ab. Diese Entwicklung beschreibt eine Veränderung seiner öffentlichen Bedeutung, nicht die Haltung aller heutigen Leser.

Das Yijing in Japan, Korea und Vietnam

Im 6. Jahrhundert gelangte das Yijing nach Japan. Seine Aufnahme wurde dadurch begünstigt, dass Angehörige der gebildeten Schichten chinesische Texte lesen konnten. Eine deutlich stärkere Wirkung entfaltete das Werk dort jedoch erst etwa tausend Jahre später, besonders während der Edo-Zeit. In der konfuzianisch geprägten Epoche drang es in verschiedene Bereiche der japanischen Kultur ein und beeinflusste nach dem Ausgangstext sogar die Wissenschaften.

Auch nach Korea und Vietnam gelangte das Yijing. Dort wurde es ebenfalls in gelehrte und kulturelle Zusammenhänge aufgenommen. Seine Geschichte im Fernen Osten ist damit keine bloße Weitergabe eines unveränderten Lehrbuchs, sondern eine Folge unterschiedlicher Deutungen: als Orakel, als philosophischer Text, als Gegenstand religiöser Auseinandersetzung und als Modell für kosmologische Ordnung.

 

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