Geschichte und
Überlieferung des I Ging

Das I Ging, auch Yijing oder „Buch der Wandlungen“, ist kein einheitlich zu einer bestimmten Zeit verfasstes Buch. Seine heute bekannte Gestalt entstand über viele Jahrhunderte: Auf einen älteren Bestand von Orakelsprüchen folgten verschiedene Kommentare und philosophische Deutungen. Erst im Verlauf der Han-Zeit wurde daraus eine kanonische Textfassung.

Traditionelle Entstehungsgeschichte

Die traditionelle chinesische Überlieferung führt die Ursprünge des I Ging bis in mythische Frühzeiten zurück. Dem legendären Kaiser Fu Xi wird zugeschrieben, die acht Trigramme geschaffen zu haben, aus denen später die 64 Hexagramme hervorgegangen seien. Das Orakelbuch habe demnach geholfen, das ältere Schildkrötenorakel durch ein Pflanzenorakel mit Schafgarbenstengeln zu ergänzen oder zu ersetzen.

Die Sprüche zu den 64 Hexagrammen wurden traditionell König Wen von Zhou zugeschrieben, der im 11. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben soll. Die Sprüche zu den einzelnen Linien galten als Werk seines Sohnes Dan, des Herzogs von Zhou. Auch Konfuzius wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein als Verfasser oder Bearbeiter von Teilen der späteren Kommentare angesehen.

Diese Zuschreibungen gehören zur Überlieferungsgeschichte des I Ging, sind aber keine historisch gesicherten Angaben über seine Urheber. Archäologische Funde und philologische Vergleiche haben sie nicht bestätigt.

Das Zhou Yi und seine älteste Textschicht

Der älteste erkennbare Textbestand wird als Zhou Yi, „Die Wandlungen der Zhou“, bezeichnet. Er umfasst die 64 Hexagramme mit ihren Namen, den Sprüchen zu den Hexagrammen und den Sprüchen zu den jeweils sechs Linien. In seiner ursprünglichen Funktion war dieser Teil ein Handbuch zur Orakelbefragung.

Nach heutigem Forschungsstand wurde der älteste Teil des Zhou Yi wahrscheinlich gegen Ende des 9. Jahrhunderts v. Chr. zusammengestellt. Diese Datierung beruht unter anderem auf Vergleichen mit dem Buch der Lieder und mit Bronzeinschriften. Die Texte selbst nennen keine Verfasser. Als wahrscheinlich gelten Schreiber oder Gelehrte am Königshof der Zhou, die sowohl über literarische Kenntnisse als auch über Erfahrungen mit der Orakelpraxis verfügten.

Die Entstehung des Zhou Yi lässt sich nicht allein aus der späteren Legende erklären. Orakelformen mit Schildkrötenpanzern und Pflanzenstengeln waren bereits vor der Machtübernahme der Zhou bekannt und bestanden noch lange Zeit nebeneinander. Die Sprüche enthalten Anklänge an historische Ereignisse, Mythen, Lieder, astronomische Beobachtungen und ältere Inschriften. Meist werden diese Bezüge jedoch nur angedeutet. Zugleich lässt sich eine Tendenz erkennen, die Herrschaft der Zhou ideologisch zu stützen.

Zunächst wurde das Zhou Yi offenbar vor allem am Königshof verwendet. Mit dem politischen Bedeutungsverlust der Zhou verbreitete es sich in anderen Fürstentümern und beim niederen Adel. Dadurch entstanden verschiedene Fassungen und regionale Auslegungstraditionen.

Kommentare und die Zehn Flügel

Ab der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. begannen Philosophen, sich intensiver mit dem Zhou Yi zu beschäftigen. Die ursprünglichen Orakelsprüche wurden nun nicht mehr nur als Antworten auf konkrete Fragen gelesen, sondern auch als Texte über politische Ordnung, ethisches Verhalten und die Struktur der Welt.

Aus diesen Deutungen gingen mehrere, stilistisch und inhaltlich unterschiedliche Kommentarschichten hervor. Sie werden traditionell unter dem Namen „Zehn Flügel“ zusammengefasst. Dazu gehören Kommentare zu den Urteilen und Bildern der Hexagramme, theoretische Abhandlungen über die Trigramme und die Wandlungen sowie Erklärungen zur Reihenfolge der Zeichen.

Die Zehn Flügel stammen nicht nachweislich von Konfuzius. Ihre Verfasser sind unbekannt; möglicherweise wirkten Angehörige verschiedener philosophischer Richtungen und spätere konfuzianische Gelehrte an ihrer Entstehung mit. Neben konfuzianischen Gedanken finden sich auch Elemente der Yin-Yang-Lehre und anderer Traditionen. Die Kommentare erklärten den älteren Text daher nicht lediglich, sondern deuteten ihn aus den jeweiligen geistigen und gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Zeit neu. So wurden die Orakelsprüche zugleich zu Grundlagen philosophischer und ethischer Lehren.

Archäologische Funde und
die überlieferte Textfassung

Da frühe Texte meist auf Bambus oder Seide geschrieben wurden, sind nur wenige vollständige Dokumente erhalten. Bambustexte aus Shuanggudui bei Fuyang sowie weitere Funde zeigen, dass vor der späteren Standardisierung unterschiedliche Fassungen des Zhou Yi im Umlauf waren. Auch Steininschriften aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. überliefern Teile des Textes.

Besonders wichtig sind die 1973 entdeckten Seidentexte aus Mawangdui. Diese nahezu vollständige Fassung weicht sowohl in der Reihenfolge der Hexagramme als auch im Wortlaut von der heute üblichen Textgestalt ab. Etwa 560 Schriftzeichen, rund zwölf Prozent des Textes, unterscheiden sich; auch die Kommentare sind teilweise anders überliefert. Solche Funde zeigen, dass die Textgeschichte nicht geradlinig verlief. Die heute geläufige Reihenfolge und Form waren nicht von Anfang an überall verbindlich.

Zu Beginn der Han-Zeit, im 2. Jahrhundert v. Chr., wurde eine standardisierte Fassung der Orakeltexte zusammen mit den Zehn Flügeln in den Kanon der konfuzianischen Klassiker aufgenommen. Von da an trug das Werk den Titel Yijing, „Klassiker der Wandlungen“. Eine beschriftete Steinstele aus dem Jahr 171 n. Chr. gilt als frühes Zeugnis dieser, wenn auch leicht veränderten, Textfassung.

Eine weitere wichtige Redaktion erfolgte im 7. Jahrhundert n. Chr. unter der Leitung von Kong Yingda. Die unter dem Titel Zhouyi zhengyi veröffentlichte Ausgabe verband den Text mit maßgeblichen Kommentaren und blieb über Jahrhunderte ein Standardwerk. Auf diese Weise entstand die Textgestalt, die die spätere Überlieferung und die meisten Übersetzungen prägte: ein älterer Orakeltext, verbunden mit über Jahrhunderte gewachsenen philosophischen Kommentaren.


Quelle und Bearbeitung:
Grundlage dieses Artikels ist der Wikipedia-Beitrag „I Ging“, insbesondere die Abschnitte zur Geschichte und Überlieferung. Der Text wurde gekürzt, neu gegliedert und sprachlich bearbeitet. Der Wikipedia-Ausgangstext steht unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA. Die erforderlichen Angaben zu Urheberschaft, Lizenz und Änderungen sind entsprechend dieser Lizenz zu beachten.